Wald
Historie

März 2014

Erzählt aus der Sicht von Lauscht der Wahrheit im Regen, Philodox der Schwarze Furien

Ich erwache vom Gefühl von Regen auf meiner Haut. Die Tropfen fallen auf meine Wangen, meine Lider, netzen meine Lippen. Ich höre ein Rauschen, doch ich brauche lange, ehe ich begreife, dass es nicht das Blut in meinen Adern ist. Ich schlucke, und meine Kehle brennt, als hätte ich seit Tagen nicht getrunken. Ich blinzle in den Regen hinauf, der wider und wider meine Augen mit sanften Tropfen schließt, bis ich den Kopf zur Seite rolle, damit ich sehen kann. Dichtes, grünes Gras beherrscht nun die Welt vor meinem Blick.

Vor meinen Augen ist ein Schemen aus Grau und Silber; aber erst, als er die breiten Flügel ausspannt und sich in den Himmel erhebt, erkenne ich ihn als einen Reiher, der mich aus dunklem Blick beobachtet hat. Ich stemme mich auf die Ellbogen, wische mir über das Gesicht, aber ich kann nicht sagen, weshalb meine Hand so schmerzt, weshalb mein Gesicht so rau und meine Lippen so gesprungen sind. Aber wenigstens sehe ich jetzt mehr: ich sehe die Steine im Wasser, die den Fluss rauschen lassen wie Blut in meinen Adern; ich sehe die Wiese, auf der ich liege, inmitten von Gras; ich sehe den Wald jenseits des Flusses, der sich an die sanften Hügel schmiegt.Ich liege auf einer Wiese, die schöner nicht sein könnte, und kann nicht sagen, wie ich hierher kam.

Jeder Knochen schmerzt, als ich mich zwinge aufzustehen. Mein Körper fühlt sich seltsam an, ungeschützt, bis ich die Wolfsform annehme. Jetzt ist alles klarer. Und ich beginne mich zu erinnern. Da war... Feuer. Ich bin gelaufen. Bin gerannt über Asche und Flammen, die mich bissen und meine Pfoten versengten, durch Rauch, der mich ersticken wollte. Aber ich habe den rettenden Boden erreicht, das unversehrte Gras. Ich hebe meine Schnauze in den Wind. Ich muss weiter gelaufen sein als ich glaubte, denn ich rieche keine Flammen, keinen Ruß in der Luft.

Aber hier muss irgendwo die Spur von Feuer sein, denn ich erinnere mich an die Glut, an den Schmerz... und an Einhorn. Oh, Einhorn! Ich erinnere mich an die dunklen Augen... "Mein Caern... ist gefallen."

Die Erinnerung jagt durch mit hindurch wie ein Blitz, voller Schmerz und Scham. Der Caern gefallen! Und die Garou geflohen. "Du musst sie finden!", sagte Einhorn, ich höre seine Stimme in meinem Kopf widerhallen! Aber wie? Die Flammen. Ich muss sie finden. Die Flammen haben den Caern verzehrt, aber dort ist die einzige Möglichkeit, eine Spur der anderen zu finden. Sie aufzunehmen. Sie zu verfolgen.

Wieder hebe ich die Schnauze in den Wind, lasse meine Augen wandern. Dort, den Fluss hinauf, auf der Anhöhe. Dort sind Häuser, Ruinen, gefressen von Feuer. Ich beginne dorthin zu laufen, falle nach einer Weile in einen Trab, setze eine Pfote vor die andere. Meine Muskeln schmerzen, aber jeder Schritt ist leichter als der vorherige. Ich habe ein Ziel. Ich muss die anderen finden.

Doch dort oben ist nichts. Nur Häuser, verbrannt von einem Feuer mächtiger als ich es je gesehen habe. Nichts ist dort, keine Garou. Nur einmal finde ich Knochen von einem Menschen und einem Wolf; doch es war kein Wolf, denn er trug ein Halsband, die halbgeschmolzenen Metallreste erzählen die Geschichte. Und nun, da ich es weiß, sehe ich, wie kurz die Schnauze ist, wie schmal die Knochen. Ich trabe weiter durch die Ruinen, während der Wind um die toten, kalten Mauern pfeift, doch ich finde nichts.

Und dann kommt es mir. Wenn sie nicht hier sind, wenn sie nicht gestorben sind, dann haben sie Unterschlupf gesucht. Über mir hat der Regen nachgelassen, und ich laufe zurück in das Tal.

Mein Blick huscht über den Boden, der angenehm kühl unter meinen schmerzenden Pfoten liegt. Die Vögel zwitschern, doch sie schweigen, wo ich vorüber gehe. Der Regen ist mein ständiger Begleiter. Meine Schnauze dicht am Boden suche ich nach Spuren, doch ich sehe nur Spitzwegerich, Taubnessel, Sauerampfer. Bis ich die Stille höre. Ich folge dem Weg, der neben einer tiefen Klamm entlangführt. In der Tiefe plätschert ein Bach, kaum mehr als ein Rinnsal, doch oben schweigen die Vögel - sie haben mehr gehört als mich. Vorsichtig pirsche ich näher, tief ins Grün geduckt. Schritt um Schritt schleiche ich mich heran, die Augen nicht höher als die Pflanzen, als ein scharfes, lautes Geräusch die Schlucht durchzuckt. Sofort lasse ich mich lautlos auf den Boden nieder, die Ohren aufgestellt. Und dann trägt der Wind die Laute zu mir, und wenig war mir je so süß. Ich kenne die Stimmen, kenne ihren Klang - nur einmal habe ich sie bisher gehört, und doch sind sie mir vertraut, denn es sind die Stimmen jener, die ich suche. Und doch bleibe ich liegen und lausche, bis ich mir sicher bin. Erst dann heule ich über die Schlucht hinweg, dass ich zurückgekehrt bin.

Ich laufe über den schmalen Pfad. Meine Krallen drücken sich in den weichen Boden, bis er hartem Stein weicht, als ich in den Höhlendurchgang biege. Freudig laufe ich durch das Dunkle hinein ins Licht. Dort am Ende sehe ich einen Mann - der Glaswandler in Grün, aber er erkennt mich nicht. Erst als ich meine Menschform annehme, nimmt er im letzten Augenblick die Waffe herunter. "Ach, ihr seid es! Schön, dass ihr wieder da seid!", sagt er, und ich schaue mich suchend um, denn ich frage mich, wen er noch meint. Aber da ist niemand, und seine freundliche Art sagt mir, dass er mich willkommen heißt. Er weist mir den Weg hinüber zur Höhle, dort, wo die anderen sind. Oder zumindest, ein Teil.

Ich sehe Emma Friedenswort, und ich erkenne einen der Welpen. Sonst... nein, ich erinnere mich nicht der wenigen Gesichter, die ich in der Höhle erahnen kann.

Vor allem die Galliardin scheint wirklich erfreut sein, mich zu sehen - doch sie hat düstere Neuigkeiten. Es ist kein Fiebertraum, keine kalte nackte Angst gewesen, die mich Einhorn hat sehen lassen. Der Caern ist zerstört. "Zerbomt", wie sie und Michael es nennen, mit "Napalm", wie sie es nennen. Ich verstehe nicht, was sie sagen wollen. Nicht mehr, als dass Menschen eine Waffe bauen können, tödlicher als jedes Schwert, tödlicher als jede dieser Schusswaffen, die ungesehen töten. Sondern eine Waffe, die alles vernichtet, die die Bäume brennen lässt und den Boden glühen.

Nicht nur der Caern ist zerstört, auch das Land drum herum. Einhorn hat sie gerettet, tapferer Geist, der er war - und dann war er verblasst, zerstört mit seinem Caern. Die Mondbrücke, die er sterbend geschaffen hatte, ließ die Garou aus Feuer und Flammen entkommen, doch dann begann sie zu brechen. Keine Brücke kann halten, wenn sie nur ein Ende hat. Und als sie zerbrach, taten Löcher sich auf, schwarz wie sternenloser Himmel. Der Alpha und die Warderin waren hinten gelaufen, um die anderen zu beschützen. Und sie waren gefallen, in die sternenlosen Löcher. Keiner hatte sie je mehr gesehen.

Sie fragen mich, wie ich hierhergekommen sei, und ich berichte. Ich erzähle ihnen vom Feuer, von Glut in meinen Pfoten. Berichte ihnen, wie ich gelaufen bin. Ich muss ohnmächtig geworden sein.. und doch habe ich nichts finden können, das aussah wie jenes Flammenmeer, durch das ich gerannt bin. Doch so sehr meine Erzählung für mich auch fremd und unerklärlich klingt, sind sie nicht überrascht: Diese Welt, so erzählen sie mir, ist nicht unsere Welt. Sie ist anders. Die Welt, in der das Ende bereits gekommen ist. Die Welt, in der eine "Atombombe" alles zerstört hat, bis auf diesen einen Ort. Ich lerne, dass eine Atombombe noch schlimmer ist als jenes Napalm. Napalm lässt die Bäume brennen. Atom fegt sie vom Angesicht der Welt.

Ich wende mich um, mit zitterndem Herzen ob dem, was ich erfahren habe. Gute Garou sind gestorben, sind verloren für Gaia - aber hier ist ein Platz, der sich anfühlt wie ein heiliger Ort. Und ich höre die Stimmen jener, die ich finden sollte. Ich sehe die junge Uktena, sie mit der Stimme wie der tanzende Bach. Ich sehe den Fianna-Welpen, ihn mit dem wilden Haarschopf, der immer frech war wie das Eichhörnchen auf dem hohen Baum, das Spott und Eicheln wirft.

Und wenig später sehe ich die Silberfang mit den schönen Augen und dem klaren Blick wieder, das Kind von Falke. An ihrer Seite ist der junge Schattenlord, der immer nur an Schusswaffen glaubt und nie an die Kraft Gaias in seinem Leib.

Nach und nach sehe ich immer mehr vertraute Gesichter, und auch zwei Neue. Der erste ist noch ein Welpe, verwirrt ob dem, was er sieht und was geschehen ist. Der zweite wird von dem Glaswandler gebracht, der Fostern ist und daher meinen Respekt verdient; und doch trifft alles auf ihn zu, was Spricht-mit-scharfer-Zunge immer gesagt hat: Dass Männer die Wege der Mutter nie sehen werden, und nie lernen werden sie wahrlich zu hören. Und dieser hier... ein Mann, und ein Mann der Stadt, nicht wissend, wie man wandelnd, nicht wissend, wie man als Wolf lebt. Aber er hat andere Kleidung an als beim letzten Mal. Diese hier waren wenigstens klüger für das Leben im Wald. Vielleicht lernt er ja doch noch dazu.

Der Mann aber, der neben ihm geht, ist ganz in weiß gekleidet, mit einer roten Jacke. Er riecht nach Leben, doch ich behalte ihn im Auge. Ich kenne ihn nicht, woher soll ich wissen, ob er wirklich lebensspendend ist? Und er ist zu langsam - hat er keine Augen, um zu sehen, dass wir Garou sind? Hört er nicht zu? Ich wandele vor seinen Augen, frage ihn, ob er Garou sei. Erst da sagt er es offen.

Lauschend liege ich nun am Eingang der Höhle. Ich habe die anderen gefunden. Doch was muss ich nun tun? Die anderen berichten, dies sei die Welt eines Feenkönigs. Er will, dass wir eine Quelle reinigen - doch wie? Ich kenne die Antwort nicht, doch ich bin entschlossen, sie zu finden. Dies ist nicht Gaia. Keine Umbra, keine Geister, eine verbrannte, tote Welt - nein! Dies ist nicht der Ort, wo wir sein müssen. Die Mutter braucht uns, ihre Kinder, ihre Krieger. Also müssen wir alles daran setzen, um zu ihr zurückzukehren. Alles.

Nicht nur Regen liegt in der Luft, sondern auch unsere Anspannung. Es gibt keinen Garou, der nicht zurück will; dieser Ort ist zwar voller Leben, aber er ist doch nur eine glückliche Insel in einem Ozean aus Tod und Verderben. Nur ein einziger Garou ist hier, der den Caern wirklich bewacht, ein Mann mit weißen Haaren und seltsamen Worten, der sich als "Sturmherr" bezeichnet und uns "Urata" nennt, statt Garou. Die Umbra, die Geister, all das kennt er nur aus den Erzählungen seiner Mutter, und sein Rudel lange fort. Er ist allein zurückgeblieben, der letzte, der den Caern noch bewacht. Aber etwas ist seltsam an ihm. Es ist, als sei er nie richtig da. Ich rieche ihn, ich sehe ihn, ich höre ihn - und doch scheint er fremd zu bleiben, und fern.

Ich zuckt mit den Ohren, als ein Wesen den Weg gegenüber der Klamm entlang geht, den ich wenig zuvor genommen habe. Eine Frau mit rotem Haarband, das mich an die Märchen erinnerte, die mir meine Mutter erzählte, um mir zu erklären, weshalb die Menschen die Wölfe fürchten. Schon hallen Schreie herüber, als die Wachen sich ihr in den Weg stellen, und auch ich springe auf; sie aber geht einfach weiter, kommt immer näher zum Caern. Ich wechsele in meine Kriegsgestalt, spüre Muskeln, neue Knochen... Ich knurre ihr eine Warnung entgegen, doch sie lächelt nur, sagt, dass sie passieren darf - und dann geht sie durch mich hindurch wie durch einen breiten Wasserfall. Ich fühle, wo ich noch ganz bin, fühle, wo sie durch mit hindurchschreitet, wie sie mich teilt in ein "vorne" und ein "hinten", ein "rechts" und ein "links", und ich kann nichts anders, als knurrend zur Seite zu springen. Mein ganzes Wesen schreit danach sie anzugreifen - doch ich kann nicht. Meine Klauen wischen durch sie hindurch wie durch Luft und Nebel. Und so folgen wir alle ihr in die Höhle und sind doch unfähig, etwas zu tun. Es ist am Weißhaarigen, etwas Weises zu sagen: Wenn wir sie nicht berühren können, ist es gut möglich, dass sie uns auch nicht zu schaden vermochte.

Niemand von uns will sich darauf verlassen. Und währenddessen sinkt draußen die unsichtbare Sonne dem Saum des grauen Himmels entgegen, und bringt den Stillen Wanderer Takelot zur glühenden Wut: Der Herr dieses Landes, jener Feenkönig, will, dass die Garou eine heilige Quelle reinigen - doch die Garou wissen nicht, wie sie dies tun sollen, oder auch nur, wo diese Quelle ist. Die Sonne sinkt, und die Aufgabe muss bis zum Beginn der Nacht erfüllt sein. Die Zeit läuft uns davon.

Die Frau indes entpackt in der Höhle ihren Korb: Kram und Ramsch, aber auch Tränke in Farben, wie ich sie nie gesehen habe. Eine Flüssigkeit hat die Farbe des Himmels, und alles, was sie dafür will, ist ein Tausch. Nie habe ich blauen Himmel beschmutzt gesehen, und so gebe ich ihr etwas Proviant im Gegenzug für diesen Trank. Wir müssen nach Hause kommen, koste es, was es wolle. Und so verlasse ich die Höhle, rieche an dem Wasser, netze meine Finger damit. Und als es alles nichts bewirkt, nehme ich einen Schluck.

Die Flasche fällt zu Boden, als ich ohne es zu wollen in meine Wolfsgestalt wandele. Und so verbleibe ich die nächste Zeit, unfähig zurück zu wechseln, so sehr ich es auch versuche - es ist, als wäre der Mensch aus mir gewichen, aber auch die Kriegsgestalt, der Kriegswolf... alles fort. Auch Emma Friedenswort probiert den Trank - und sie bleibt ein Mensch, doch ist sie wie ich nun unfähig zu wandeln. Während wir zu erraten versuchen, wie das sein kann, versuchen die anderen, die restlichen Tränke zu erhandeln. Über uns rauscht der Regen und singen die Vögel, und in der Höhle feilschen die Krieger Gaias mit einem Wesen, das sie nicht einmal anfassen können.

Irgendwann beginnt eine Diskussion draußen auf dem Vorplatz, auf dem ich in meiner Wolfsgestalt wache: Es gibt ein Buch, und es kann ertauscht werden - aber der Preis ist eine von Gaia gegebene Gabe. Der junge Fianna spricht, dass er die Gabe geben würde zu wandeln - aber das ist zu wertvoll, ist unverhandelbar. Der grüne Ragabash, Michael, bietet seine Gabe an, Schlösser zu öffnen. Es ist ein guter Preis. Auch ich bin bereit, etwas zu opfern. Ich versuche, die Menschengestalt anzunehmen, um sprechen zu können, und - es gelingt. Vielleicht brauchte es nur einen wichtigen Grund? Oder eine bestimmte Zeit? Ich denke nicht weiter darüber nach. Ich biete an, die Gabe der betörenden Worte zu opfern, und auch der Glaswandler Fostern spricht auf: Er beherrscht beide Gaben, und bietet sie an. Aber der junge Glaswandler antwortet ihm gut: Er hält die Gabe der betörenden Worte für wichtiger, und er will lieber seine Gabe opfern, damit der Fostern die seine behalten kann. Und so geschieht es. Wir gelangen in den Besitz des Buches, und es ist der Fostern, der das darin enthaltene Rätsel entschlüsselt. "Bek-Dor" ist sein Name, doch ich kenne die Bedeutung nicht und sollte sie auch an diesem Tage nicht mehr lernen.

Bald findet er heraus, dass wir ein Licht brauchen, und so tauschen wir bei der Händlerin, bis wir die Lampe unser eigen nennen können, die sie mitgebracht hat. Bald darauf verlässt sie und - wir haben alles, was wir brauchen, sagt sie, und nun kann sie gehen. Al wir ihr nachschauten, fragen sich nicht wenige von uns, ob der Feenkönig sie geschickt hatte, um uns zu testen.

Der Regen fällt noch immer, als wir endlich erfahren, was wir tun müssen. Um die Quelle zu säubern, müssen wir die Säulen der Mutter zu ihr bringen: Erde, Wasser, Luft und Feuer. Und so machen wir uns auf den Weg, sehr zur Freude des Fianna, der immer ungehaltener geworden war - er will etwas tun, und rannte sinnlos umher, nur um das Gefühl zu haben, dass es vorangeht. Aber nun kann er beruhigt sein, denn wir brechen alle auf - alle, bis auf den "Sturmherren", der seine Höhle nicht verlassen will. Oder kann er es nicht? Ist er nur eine Erinnerung? Eine Warnung an uns ob der Tage, die kommen werden?

Der Regen fällt auch noch, als wir unseren Marsch beginnen. Wir sollten nicht lange laufen, aber wir sind wachsam und angespannt, den ganzen Weg lang. Wir folgen alten, lang vergessenen Straßen, die uns durch die Ruinen von Dörfern führen, die verbrannt und zerstört neben unserem Weg liegen. Was für ein Unterschied sind daneben der erblühende Wald und der rauschende Fluss! Doch keiner von uns kann sein Herz öffnen für das, was er sieht: je näher wir unserem Ziel kommen, desto gefährlicher wird unsere Reise, das ist uns bewusst. Und kaum haben wir uns ein letztes Mal diese Weisheit ins Gedächtnis gerufen, beginnt es. Obgleich keiner der anderen etwas sieht, niemand etwas riecht: Da sind Feen in den Wäldern. Sie lauern neben dem Weg, griffen uns an, beobachten uns. Manchmal werfen sie uns um; manchmal zeigen sie sich nur, wartend auf den besten Augenblick zum Angriff. Ich sehe den gewaltigen Troll, wie er sich hinter der Fichte zu verbergen versucht; aber seine hässlichen Füße ragen an den Wurzeln vorbei. Ich sehe, wie sein Blick zu denen huscht, die wir in die Mitte genommen haben: Die Träger der Säulen Gaias. Mit einem Kriegsschrei warne ich die anderen und stürze ich mich in Hispo auf ihn, um den anderen Zeit zu verschaffen, sich in Sicherheit zu bringen. Ich zerreiße seinen Leib, bis er so schnell fliet, dass ich nicht einmal sehe, wohin er verschwindet. Victoria tritt an meine Seite und spricht auf mich ein. Sie hat den Troll nicht gesehen und glaubt mir nicht, aber ich weiß, was ich bekämpft habe. Und auch wenn ich will, dass sie mir glaubt, liegt Wahrheit in ihren Worten: Ich kann nicht zurückbleiben. Aber den Rest des Marsches über laufe ich hinten, um die anderen zu sichern. Niemand kann wissen, ob der Troll uns nicht zu folgen versucht.

Zumindest laufen die Träger nun wirklich in der geschützten Mitte. Zu Anfang des Weges hat der grüne Glaswandler - Michael - noch wütend gebrüllt, dass er läuft, wo er will. Dummer, arroganter Junge. Aber nun hat auch er gesehen, weshalb es auf diese Weise besser ist.

Aber vielleicht bin ich zu hart in meinem Urteil. Immerhin ist er sichtlich froh, als wir die Quelle erreichen und er seine Last abgeben kann - er ist ein Kämpfer, er will nicht durch das heilige Element eingeschränkt sein. Die Theurgen haben nur ein einziges den Weg verloren, als die Feen sie zum Narren hielten; nun aber sind wir dort. Und es ist ein beeindruckender Ort. Das Wasser scheint zu brennen, kommt glühend rot aus dem Felsen und ergießt sich in drei Becken. Die Träger geben ihre wertvollen Besitztümer ab an die Theurgen, die ins Wasser waten. Dort beginnen sie mit dem Ritual, mit geschlossenen Augen, denn niemand darf zusehen, was in der Quelle geschieht - und auch wir schließen die Augen und stellen uns mit dem Rücken zur Quelle, denn sicher werden die Feenwesen uns nicht einfach gehen lassen.

Ich nahm die Gestalt der Kriegswölfin an und schließe die Augen, doch ich öffne meine Ohren. Ich höre das Atmen meiner Gefährten. Das Rauschen der Quelle. Die letzten Lieder der Vögel, während die Nacht sich über uns senkt. Ich höre die Worte der Theurgen, ihren Gesang, die Flöte von Emma Friedenswort, die alles andere fast übertönt. Dann höre ich Rasseln, Raunen. Stöhnen. Und unterdrückte Schmerzensschreie unserer Theurgen. Ich wende mich um, doch ich weiß plötzlich, dass ich das Wasser nicht überqueren kann, ohne das Ritual zu gefährden. Ein Grollen entweicht meiner Kehle, und ich spüre, wie sich mein Fell aufstellt. Doch ich kann nichts tun. Nichts, außer zu lauschen, am Beckenrand auf und ab zu gehen und zu warten, bis der Feind auch zu uns kommt.

Und er kommt.

Kettenrasseln. Wo? Dort. Ich ducke mich, spanne meine Glieder an. Folge dem Rasseln mit dem Kopf. Dann höre ich, wie Emmas Lied für einen Augenblick bricht. Ich springe, donnere mit den Läufen gegen etwas, das fast nachgab, fast verschwand - aber meine Fänge schnappen schon danach, und zwischen meinen Kiefern bleibt nichts als Luft. Der Gegner ist fort, macht sich bereit für den nächsten Angriff, und auch ich tue es - ich höre das Schlurfen, mit dem der Feind naht, und wieder springe ich, knurrend, beißend. Wieder und wieder wirbele ich herum, immer entlang des Beckenrandes, um die Theurgen zu beschützen - und den Rest der Septe.

Ich höre Takelot rufen, dass es fast geschafft ist, höre, wie die Theurgen ein letztes Mal Gaia rufen, preisen. Und dann stimmt Emma Friedenswort ein Geheul des Triumphes an, und ein jeder fällt ein. Es ist, als würde sich etwas von uns lösen. Als wir die Augen öffnen, ist das Rot der Quelle fort, und stattdessen schimmert ein sanftes Grün am Boden des großen Beckens. Der Stille Wanderer ruft alle zu sich, und einer nach dem anderen berührt das Wasser und verschwindet.

Nur er und ich stehen noch dort. "Alle fort?!", rufe ich, mich umblickend ob auch keiner vergessen wurde, kein Welpe mehr sich versteckt hat, kein Ragabash noch ungesehen Wache hält.

"Sie sind alle durch", antwortet er mir. "Schnell, durch. Ich kann das Tor nicht lange offenhalten." Und so berühre auch ich das Wasser. Grüne Nebel schließen sich um mich.

Als ich die Augen öffne, kniete ich vor derselben Quelle, wenn auch fast zwei Wolfslängen entfernt. Ja, es war dieselbe Gegend, alles war gleich - doch ich spüre die Nähe zum Umbra, das Rufen der Geister. Wir sind wieder auf Gaias Boden.

Ich blicke mich um. Alle sind hier, alle sind angekommen. Und in diesem Augenblick, als ich zur Quelle sehe, wird ein Hut herausgeschleudert, und das grüne Schimmern verblasst. Es ist Takelots Hut. Mehr folgt nicht, obgleich wir lange warten. Der Stille Wanderer ist fort.

Mein Marsch zurück ist schweigsam; der Gedanke, ob der Stille Wanderer verloren ist, lässt mich nicht los. Aber die Vision der Feenwelt war richtig: Wir folgen dem Weg, den wir in der Anderswelt gegangen sind, und finden an ihrem Ende einen Caern. Still und schlummernd liegt er da, aber wir haben ihn gefunden.

Die anderen beginnen darüber zu sprechen, wer welches Lob verdient hat. Es ist Michael, der sich in die Mitte stellt; er, der eindeutig der Anführer ist und sich nur von Victorias weisen Worten leiten lässt. Einer von den beiden wird Septenalpha werden, und doch machen sie so viele Worte darum, als wäre etwas anderes denkbar.

Es ist Michael, der jeden lobt; doch sein Lob für mich fällt gering aus. Er lobt meine Kunst zu schleichen, zu spähen, und das ist angemessen. Aber er hat nicht gesehen, dass ich die Geister bekämpfte, und so spricht er nicht davon; und ich bin zu sehr in Gedanken verloren, um es ihm zu sagen. Wozu auch?

Er mag mich willkommen heißen, aber wenn er nicht sagen kann, ob ich Teil dieser Septe bin - wie sollte ich es dann wissen?

Der nächste Tag ist angebrochen. Grau liegt die Dämmerung über der Höhle. Um uns herum sind Wiesen und Wald, Bach und Fluss. Die Vögel singen - Zaunkönig und Haselmeise, unter den wachsamen Augen von Reiher und Rabe. Die Blumen blühen. Es ist Frühling geworden. Das letzte Mal, dass ich auf Gaias Boden stand, war er hartgefroren vom Winter. Fünf Vollmonde sind gekommen und gegangen, und ich fühle mich fehl am Platz.

Ich muss herausfinden, was meine Aufgabe ist. Muss ich weiterziehen, muss ich bleiben?

Mein Versprechen an Einhorn habe ich gehalten: Ich habe die anderen gefunden. Ich habe sie beschützt. Nun brauche ich ein neues Wort, das ich halten kann.

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